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Ausgabe 252 I

Thorsten Nagelschmidt (Autor, Musiker) empfiehlt Ton Steine Scherben – Wir müssen hier raus

Thorsten Nagelschmidt (Autor, Musiker) empfiehlt Ton Steine Scherben – Wir müssen hier raus

Thorsten Nagelschmidt, geboren 1976 in Rheine, ist Schriftsteller, Musiker und Künstler. Seit 1993 ist er Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter. Er veröffentlichte die Bücher “Wo die wilden Maden graben” (2007), “Was kostet die Welt” (2010) und “Drive-By Shots” (2015). Zuletzt sind bei S. Fischer die Romane “Der Abfall der Herzen” (2018), “Arbeit” (2020) und “Soledad” (2024) erschienen. Viele Jahre war er Gastgeber des Berliner Literaturformats “Nagel mit Köpfen”. 2024 wurde “Arbeit” für die Aktion “Berlin liest ein Buch” ausgewählt. Mehr zu Thorsten unter: instagram.com/thorstennagelschmidt

"‘Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …’

‘Mir nicht.’

– Mit diesen Worten beginnt das berühmte Interview, das Theodor W. Adorno nach Störungen seiner Vorlesungen in Frankfurt durch studentische Aktivisten im Frühjahr 1969 dem SPIEGEL gab und auf das Rio Reiser sich bezogen haben könnte, als er wenige Jahre später in ‘Wir müssen hier raus’ klarstellte:

Für mich ist die Welt nicht mehr in Ordnung
Nicht früh um Sieben und auch nicht nach der Tagesschau 

Dabei sind die Songs von Ton Steine Scherben weniger von den Vorgängen an irgendwelchen westdeutschen Hochschulen geprägt als vielmehr vom direkten Umfeld dieser linken Rockband aus Westberlin. Um beengte Wohnverhältnisse geht es und um Preiserhöhungen bei der BVG, es ist von Chefs, Stechuhren und Feierabend die Rede und von ´nem bisschen was zu fressen, das man bei Karstadt geklaut hat.

Was der Gruppe und ihren Texten bis heute eine Sonderstellung verschafft. Oder wie viele Rockbands fallen einem noch ein, die offensiv die Sorgen und Nöte von Lehrlingen, Mietern und auf den ÖPNV angewiesenen Lohnarbeitern thematisieren?

Wir müssen hier raus ist der erste Song des 1972 veröffentlichten zweiten Scherben-Albums Keine Macht für Niemand, und er beginnt mit einer Feststellung, die man auch als Ansage verstehen kann:

Im Bett ist der Mensch nicht gern alleine.

Gleich in der ersten Zeile der gut einstündigen Doppel-LP wird also ein zutiefst menschliches Bedürfnis formuliert. Das Bedürfnis, ohne Einmischung von außen Zeit mit der geliebten Person zu verbringen, nicht allein und einsam zu sein, kein Einzelkämpfer. Und wo die gesellschaftlichen und ökonomischen Umstände die Befriedigung solch fundamentale Bedürfnisse verhindern, da beginnt für den Sänger der Aufstand. Denn er erkennt seine Situation als eine nicht-singuläre, vielmehr als eine ihm und vielen anderen von einem menschenverachtenden System aufgezwungene – und somit veränderbare.

Zwischen Text und Musik herrscht von Anfang bis Ende eine elektrisierende Spannung. Dieses euphorische Intro, auf das die erste dieser herrlich abgehangenen Strophen folgt, in der das lyrische Ich von seiner ganz alltäglichen Malaise erzählt. Bis Band und Sänger zu einem treibenden und angriffslustigen Refrain ansetzen, der, wie man kurz darauf feststellt, noch gar nicht der eigentliche Refrain war, sondern eine Brücke, die dorthin führt, wo die Sonne aufgeht. Zu sehnsuchtsvollen Chören singt Rio Reiser Worte der Hoffnung und der Solidarität:

Wir sind geboren, um frei zu sein

Wir sind zwei von Millionen, wir sind nicht allein

Und wir werden es schaffen, wir werden es schaffen.

Diese Zeilen werden im Showdown des Songs ein ums andere Mal wiederholt und variiert (Was kann uns hindern? – Kein Geld, keine Waffen …), während sich die Band in einen Rausch spielt und dabei kein eigenes Ende findet, sondern ausgefadet wird. (Gut, dass der arme Adorno das alles nicht mehr erleben musste …)

Man wäre gern dabei gewesen, als das Lied entstand. Wurde der Text unabhängig von der Musik geschrieben, und wenn ja, hat er gleich auf die Komposition gepasst? Haben sich die Wörter und Zeilen erst aus der Musik ergeben? Oder, auch eine Möglichkeit, reagieren hier andersherum die Musiker an ihren Instrumenten auf die zwischen Wut, Verzweiflung und Aufbruch changierenden Zeilen, die Rio Reiser in dieser mitreißenden Dringlichkeit artikuliert?

Der gleichermaßen naiv wie kämpferisch klingende Schlachtruf Wir sind geboren, um frei zu sein wird Jahre später auf Steig ein, dem letzten Stück des Ton Steine Scherben-Albums Wenn die Nacht am tiefsten, noch einmal aufgegriffen.

Und auch heute noch, ein halbes Jahrhundert später, macht der viel zu früh verstorbene, durch seine Lieder aber unsterblich gewordene Rio Reiser mit jedem seiner Worte klar, dass der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ein emanzipatorischer ist und Freiheit mehr als der zur hohlen Phrase verkommene Kampfbegriff von zynischen FDP’lern und anderen marktradikalen Spinnern.” (aus “Ich will ich sein” / Ventil Verlag)

Thorsten Nagelschmidt über Ton Steine Scherben – Wir müssen hier raus

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